Scrum Poker vs. Affinity Estimation: Was soll ich wählen?

Agile Teams haben Zugang zu einem wachsenden Werkzeugkasten an Schätztechniken. Zwei der am häufigsten eingesetzten sind Planning Poker (auch bekannt als Scrum Poker) und Affinity Estimation. Beide Techniken helfen Teams dabei, ihre Arbeit relativ zueinander einzuschätzen – doch sie gehen dabei auf sehr unterschiedliche Weise vor. Die richtige Wahl zu treffen – oder zu wissen, wann man beide kombiniert – kann einen erheblichen Einfluss auf die Effizienz und Schätzqualität des Teams haben.

Wie Planning Poker funktioniert

Planning Poker ist eine strukturierte, kartenbasierte Schätztechnik. Jedes Teammitglied hält ein Kartendeck mit Werten aus der Fibonacci-Folge (1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw.). Der Moderator liest eine User Story vor, die Teammitglieder wählen privat die Karte, die ihrer Meinung nach die Komplexität der Story widerspiegelt, und alle decken ihre Karten gleichzeitig auf.

Wenn die Schätzungen stark voneinander abweichen, diskutiert das Team die Gründe hinter den verschiedenen Einschätzungen. Das wiederholt sich, bis ein Konsens oder ein vernünftiger Kompromiss gefunden ist. Der Prozess ist bewusst und gründlich, was ihn besonders effektiv für Teams macht, die verlässliche Schätzungen für komplexe oder hochpriorisierte Aufgaben benötigen.

Wie Affinity Estimation funktioniert

Affinity Estimation verfolgt einen fließenderen, visuellen Ansatz. User Stories werden auf Haftnotizen oder Karten geschrieben, und das Team sortiert sie schweigend in Gruppen nach relativer Größe – typischerweise mit breiten Kategorien wie „klein”, „mittel”, „groß” und „sehr groß” oder einer einfachen Zahlenskala.

Es gibt keine ausgiebige Diskussion zu jeder einzelnen Story. Stattdessen arbeitet das Team schnell und verschiebt Karten, bis alle mit den Gruppierungen zufrieden sind. Unstimmigkeiten werden durch kurze Gespräche geklärt, und oft kann der gesamte Backlog in einer einzigen Session geschätzt werden. Affinity Estimation tauscht Präzision gegen Geschwindigkeit.

Die wichtigsten Unterschiede

Geschwindigkeit und Skalierbarkeit: Affinity Estimation ist deutlich schneller als Planning Poker. Bei einem Backlog von 50 oder 100 Stories kann Affinity Estimation eine Stunde dauern; Planning Poker für denselben Umfang könnte mehrere Stunden über mehrere Sessions verteilt erfordern. Wenn ein großer Backlog schnell geschätzt werden muss – etwa beim Projektstart oder bei einer Quartalsplanung – hat Affinity Estimation einen klaren Vorteil.

Genauigkeit und Tiefe: Planning Poker fördert eine tiefergehende Auseinandersetzung mit jeder User Story. Da sich Teammitglieder auf eine konkrete Schätzung festlegen und Abweichungen begründen müssen, werden Annahmen und Risiken aufgedeckt, die beim Affinity Sorting möglicherweise übersehen werden. Für besonders wichtige Features oder technisch komplexe Stories ist diese Tiefe den Mehraufwand oft wert.

Beteiligung und Engagement: Planning Poker verlangt von jedem Teammitglied eine unabhängige Stimme vor der Gruppendiskussion, was verhindert, dass starke Persönlichkeiten die Schätzungen des Teams dominieren. Affinity Estimation – besonders wenn sie schweigend durchgeführt wird – mindert diesen Bias ebenfalls, aber das weniger strukturierte Format kann dazu führen, dass ruhigere Teammitglieder einfach mit dem Strom schwimmen, ohne ihre Bedenken zu äußern.

Granularität der Ergebnisse: Planning Poker liefert konkrete Story-Point-Werte für jedes Element. Affinity Estimation liefert Gruppierungen, die erst in Punktwerte übersetzt werden müssen, wenn das Team seine Velocity tracken möchte. Dieser zusätzliche Schritt erzeugt eine Mehrdeutigkeit, die manche Teams als frustrierend empfinden.

Wann welche Technik einsetzen?

Planning Poker empfiehlt sich, wenn:

  • Genauigkeit wichtiger ist als Geschwindigkeit
  • Stories komplex oder voneinander abhängig sind
  • Das Team ein tiefes gemeinsames Verständnis der Aufgaben aufbauen muss
  • Eine überschaubare Anzahl hochpriorisierter Elemente geschätzt wird

Affinity Estimation empfiehlt sich, wenn:

  • Ein großer Backlog in kurzer Zeit geschätzt werden muss
  • Die Planung noch in der frühen Phase ist und grobe Gruppierungen ausreichen
  • Das Team mit breiter relativer Einordnung vertraut ist
  • Sprint-Planungs-Präzision zu diesem Zeitpunkt weniger entscheidend ist

Hybride Ansätze

Viele erfahrene agile Teams kombinieren beide Techniken. Affinity Estimation wird für das initiale Backlog-Grooming eingesetzt – um eine große Anzahl von Stories schnell in grobe Kategorien zu sortieren. Planning Poker wird dann auf Stories angewandt, die in den nächsten Sprint oder zwei übergehen, um Elementen, die bald bearbeitet werden, mehr Präzision zu verleihen.

Dieser geschichtete Ansatz nutzt die Schnelligkeit von Affinity Estimation für den breiten Backlog, während er sicherstellt, dass die nahegelegene Arbeit mit der Gründlichkeit von Planning Poker geschätzt wird.

Fazit

Weder Planning Poker noch Affinity Estimation ist von sich aus überlegen. Die richtige Wahl hängt vom Umfang des Backlogs ab, wie bald die Arbeit geliefert wird und wie viel Präzision Team und Stakeholder benötigen. Die Abwägungen beider Methoden zu verstehen – und bereit zu sein, sie bei Bedarf zu kombinieren – nützt dem Team weit mehr, als sich starr auf einen einzigen Ansatz festzulegen.