Relative vs. absolute Schätzung: Was ist besser?

Schätzung ist eines der umstrittensten Themen in der agilen Softwareentwicklung. Teams stehen immer wieder vor der Frage: Sollen wir in Stunden und Tagen schätzen, oder sollten wir relative Skalen wie Story Points verwenden? Die beiden dominanten Ansätze – relative und absolute Schätzung – haben beide ihre Berechtigung, und keiner ist universell überlegen. Die Unterschiede zu verstehen ist der erste Schritt zur Auswahl der richtigen Methode für das eigene Team.

Was ist absolute Schätzung?

Bei der absoluten Schätzung wird einer Aufgabe eine konkrete, messbare Einheit zugewiesen. In der Regel handelt es sich dabei um Zeit – Stunden, Tage oder Wochen. Wenn ein Entwickler sagt: „Dieses Feature braucht drei Tage”, verwendet er absolute Schätzung.

Absolute Schätzungen wirken intuitiv, weil Menschen es gewohnt sind, in realen Einheiten zu denken. Stakeholder bevorzugen häufig absolute Angaben, da sich diese direkt in Projektzeitpläne und Ressourcenplanung übersetzen lassen. Für einen Projektmanager, der einen Release-Plan erstellt, ist die Aussage „ein Feature dauert fünf Tage” unmittelbar nützlicher als „es kostet acht Story Points”.

Allerdings hat absolute Schätzung einen erheblichen Schwachpunkt: Sie ist notorisch schwer präzise durchzuführen. Studien zeigen immer wieder, dass Entwickler die Komplexität von Aufgaben unterschätzen – besonders bei unbekannten Technologien oder voneinander abhängigen Systemen. Kognitive Verzerrungen wie Optimismus-Bias und der Planungsfehlschluss machen genaue Zeitprognosen unzuverlässig.

Was ist relative Schätzung?

Bei der relativen Schätzung geht es nicht um exakte Zeitangaben, sondern um Vergleiche. Statt zu fragen „Wie lange dauert das?”, fragt das Team: „Wie komplex ist diese Aufgabe im Vergleich zu einer anderen, die wir bereits geschätzt haben?”

Typische Werkzeuge für relative Schätzung sind Story Points, die Fibonacci-Folge (1, 2, 3, 5, 8, 13 …) und T-Shirt-Größen (S, M, L, XL). In Planning-Poker-Sessions weist das Team diesen relativen Werten User Stories zu und orientiert sich dabei an bereits bekannten Referenzpunkten.

Die entscheidende Erkenntnis hinter der relativen Schätzung: Menschen sind deutlich besser darin, Dinge miteinander zu vergleichen, als sie isoliert zu messen. Es ist schwer zu sagen, wie hoch ein Gebäude genau ist – aber leicht zu sagen, ob es größer oder kleiner als das danebenstehende ist.

Vor- und Nachteile beider Ansätze

Absolute Schätzung liefert Stakeholdern konkrete Zahlen und lässt sich gut mit klassischen Projektmanagement-Tools kombinieren. Sie funktioniert gut, wenn Aufgaben routiniert, gut verstanden und überschaubar sind. Der Nachteil ist, dass sie oft zu übermäßig optimistischen Schätzungen führt und Teammitglieder unter Druck setzen kann, unrealistische Deadlines einzuhalten.

Relative Schätzung reduziert den Stress, indem sie die zeitbasierte Verpflichtung aufgibt, und fördert die Zusammenarbeit im Team. Sie skaliert besser für große, komplexe Projekte mit hohem Unsicherheitsgrad. Der Nachteil ist, dass sie eine Kalibrierungsphase erfordert – neue Teams müssen zunächst einen gemeinsamen Referenzrahmen entwickeln, bevor die Schätzungen aussagekräftig werden. Stakeholder, die mit Story Points nicht vertraut sind, können die Ergebnisse außerdem schwer interpretieren.

Wann welche Methode?

Absolute Schätzung eignet sich, wenn:

  • Aufgaben klar definiert und routiniert sind
  • Stakeholder zeitbasierte Lieferprognosen benötigen
  • Das Team auf umfangreiche historische Daten zurückgreifen kann
  • Das Projekt kurzfristig und eng umrissen ist

Relative Schätzung eignet sich, wenn:

  • Das Projekt groß, komplex oder mit erheblicher Unsicherheit verbunden ist
  • Das Team offene Diskussionen über Umfang und Risiken fördern möchte
  • Ein langfristiger Backlog aufgebaut wird, der häufig neu priorisiert werden muss
  • Die Team-Velocity über mehrere Sprints hinweg verfolgt werden soll

Fazit

Die Wahl zwischen relativer und absoluter Schätzung ist keine Frage, welche Methode objektiv besser ist. Es geht um die richtige Passung. Viele erfahrene agile Teams nutzen relative Schätzung intern für Planung und Velocity-Tracking und übersetzen ihre Velocity-Daten dann in grobe Zeitprognosen für die Stakeholder-Kommunikation. Dieser hybride Ansatz vereint die Vorteile beider Welten.

Letztendlich ist die beste Schätzmethode diejenige, die das Team konsequent und ehrlich anwendet. Schätzung ist ein Werkzeug zur Reduzierung von Unsicherheit – nicht zu ihrer Beseitigung. Egal für welchen Ansatz man sich entscheidet: Immer Raum für Überraschungen einplanen.