Agile Schätzungstechniken: Eine Übersicht
Schätzung ist eine grundlegende Praxis in der agilen Softwareentwicklung. Sie hilft Teams dabei, Sprints zu planen, Lieferzeiträume vorherzusagen und realistische Erwartungen an Stakeholder zu kommunizieren. Gleichzeitig ist Schätzung einer der Bereiche, in dem Teams am häufigsten Schwierigkeiten haben – nicht weil die Techniken kompliziert sind, sondern weil sie leicht falsch angewendet oder im falschen Kontext eingesetzt werden.
Dieser Artikel stellt die drei wichtigsten agilen Schätzmethoden vor und gibt praktische Hinweise dazu, welche Methode für das eigene Team am besten geeignet ist.
Story Points
Story Points sind die am weitesten verbreitete Schätzeinheit in der agilen Entwicklung. Ein Story Point ist ein abstraktes Maß für die Größe einer User Story, das eine Kombination aus Aufwand, Komplexität und Unsicherheit erfasst. Das Schlüsselwort ist relativ: Story Points haben keine feste Bedeutung in Stunden oder Tagen. Entscheidend ist, wie sie sich zueinander verhalten.
Teams verankern Story Points üblicherweise anhand einer einfachen Referenz-Story. Zum Beispiel könnte ein Team entscheiden, dass ein unkomplizierter Bugfix ohne Unbekannte einen Story Point wert ist. Von dort aus werden alle anderen Stories relativ zu diesem Anker geschätzt. Ein mittelkomplexes Feature könnte fünf Punkte wert sein; eine große, unsichere Initiative vielleicht dreizehn oder einundzwanzig.
Die Fibonacci-Folge (1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34 …) wird häufig für Story Points verwendet, weil ihre exponentiellen Abstände die zunehmende Unsicherheit widerspiegeln, die mit größeren Aufgaben einhergeht. Planning Poker ist die beliebteste Technik zur kollaborativen Vergabe von Story-Point-Werten.
Wann Story Points einsetzen: Story Points eignen sich am besten für Teams mit stabiler Zusammensetzung, die in regelmäßigen Sprints planen. Mit der Zeit entwickeln Teams eine zuverlässige Velocity – eine durchschnittliche Anzahl von Story Points, die pro Sprint abgeschlossen werden – was eine zunehmend präzise Prognose ermöglicht.
T-Shirt-Größen
T-Shirt-Größen nutzen vertraute Labels – XS, S, M, L, XL, XXL – um User Stories nach ihrer relativen Größe einzuteilen. Sie sind für Stakeholder und neue Teammitglieder intuitiver als abstrakte Zahlen und besonders effektiv für die Grobschätzung eines Backlogs, bevor Stories vollständig verfeinert wurden.
Die Einfachheit von T-Shirt-Größen macht sie schnell. Teams können einen großen Backlog in kurzer Zeit durcharbeiten und Stories in breite Kategorien einteilen, ohne sich bei den Unterschieden zwischen einer 5 und einer 8 aufzuhalten. Das macht sie zu einem natürlichen Fit für frühe Planungsphasen, Quartalspläne oder jede Situation, in der ein grobes Bild nützlicher ist als ein präzises.
Der Kompromiss liegt in der Granularität. T-Shirt-Größen können nicht direkt zur Berechnung der Velocity verwendet werden, daher bilden Teams, die ihren Durchsatz im Laufe der Zeit verfolgen möchten, T-Shirt-Größen irgendwann auf numerische Punktwerte ab (zum Beispiel: S = 2, M = 5, L = 8, XL = 13).
Wann T-Shirt-Größen einsetzen: T-Shirt-Größen eignen sich für initiales Backlog-Grooming, Epic-Planung und jede Situation, in der Stakeholder den relativen Umfang der Arbeit ohne numerisches Detail verstehen sollen.
Relative Schätzung
Relative Schätzung ist ein Oberbegriff, der jeden Ansatz umfasst, bei dem Arbeitspakete im Vergleich zueinander bewertet werden – nicht an einem absoluten Maß. Sowohl Story Points als auch T-Shirt-Größen sind Formen der relativen Schätzung, aber der Begriff beschreibt auch einfachere Methoden wie das Sortieren von Stories in eine Rangliste von kleinsten bis größten oder die Verwendung von Affinity Estimation zur Gruppierung nach Ähnlichkeit.
Die Stärke der relativen Schätzung liegt darin, dass sie eines der hartnäckigsten Probleme in der Softwareentwicklung umgeht: die menschliche Tendenz zu übertriebenem Optimismus bei absoluten Zeitprognosen. Statt zu fragen „Wie viele Stunden wird das dauern?” – eine Frage, die zu falscher Präzision verleitet – fragt relative Schätzung: „Ist das größer oder kleiner als das?” – eine Frage, die Menschen viel zuverlässiger beantworten.
Wann relative Schätzung einsetzen: Relative Schätzung in ihren verschiedenen Formen ist für nahezu jeden agilen Kontext geeignet. Das konkrete Format (Story Points, T-Shirt-Größen, geordnete Listen) sollte dem Präzisionsbedarf des Teams und der verfügbaren Zeit für den Schätzprozess entsprechen.
Die richtige Technik wählen
Es gibt keine einheitlich beste agile Schätzmethode. Die richtige Wahl hängt ab von:
- Teamreife: Neue Teams profitieren von der Einfachheit von T-Shirt-Größen. Erfahrene Teams mit stabiler Velocity holen aus Story Points oft mehr heraus.
- Backlog-Größe: Große, früh-phasige Backlogs lassen sich am besten mit T-Shirt-Größen oder Affinity-Grouping handhaben. Nahe Sprint-Backlogs verdienen die Präzision von Planning Poker mit Story Points.
- Stakeholder-Bedürfnisse: Wenn Stakeholder grobe Größenordnungsschätzungen benötigen, reichen T-Shirt-Größen in der Regel. Für Sprint-Level-Lieferprognosen sind Story Points in Kombination mit Velocity-Tracking besser geeignet.
- Verfügbare Session-Zeit: T-Shirt-Größen sind schnell. Planning Poker mit Story Points dauert länger, liefert aber verlässlichere kurzfristige Schätzungen.
Viele Teams kombinieren beides: T-Shirt-Größen für den breiten Backlog, Story Points für alles, was in die nächsten zwei Sprints übergeht. Dieser geschichtete Ansatz balanciert Effizienz und Präzision.
Fazit
Agile Schätzung zielt nicht darauf ab, die Zukunft mit Sicherheit vorherzusagen – sondern darum, Unsicherheit soweit zu reduzieren, dass gute Entscheidungen möglich sind. Story Points, T-Shirt-Größen und relative Schätzung bieten je eine andere Balance aus Geschwindigkeit, Präzision und Zugänglichkeit. Zu verstehen, wofür jede Technik ausgelegt ist und entsprechend zu wählen, ist die Grundlage effektiver agiler Planung.